Bmt-Mitglied Christina Metzger ist als Hundephysiotherapeutin und Tierheilpraktikerin tätig und hat im April ihre eigene Praxis für Hundephysiotherapie in Butzbach/Pohl-Göns (Hessen) eröffnet. Welche Möglichkeiten die Tierphysiotherapie in Ergänzung zur tiermedizinischen Behandlung bietet, lesen Sie im Interview.
RdT: Woher rührt Ihr Interesse an der Tierphysiotherapie?
Christina Metzger: Der Kontakt mit Tieren war schon immer ein wichtiger Bestandteil in meinem Leben. 1993 begann ich in einem Tierheim ehrenamtlich zu arbeiten. Ich stellte sehr schnell fest, wie viel Freude mir das Arbeiten mit den Tieren bedeutet und begann vor fünf Jahren eine Ausbildung zur Tierheilpraktikerin (Abschluss FVDH/ADT). Weil auffallend viele Hunde an Erkrankungen des Bewegungsapparates leiden, wollte ich mich auf dieses Problem konzentrieren und schloss eine Ausbildung zur Hundephysiotherapeutin an.
RdT: Wokommt die Hundephysiotherapie zum Einsatz?
Christina Metzger: Eines vorweg: Physiotherapeutische Maßnahmen stellen immer eine unterstützende Therapie zur tierärztlichen Behandlung dar, sollen und dürfen kein Ersatz sein. Eine exakte Diagnose ist die Grundlage für die Arbeit des Tierphysiotherapeuten, denn nur so kann die Therapie genau auf das Krankheitsbild abgestimmt werden.
Nun zu Ihrer Frage. In meiner Praxis habe ich mich auf Erkrankungen des Bewegungsapparates spezialisiert. Die Einsatzgebiete der Hundephysiotherapie sind in erster Linie Skeletterkrankungen, wie z. B. Hüftgelenks- oder Ellenbogendysplasie, Arthrosen, Wirbelsäulenerkrankungen, wie Spondylose oder Bandscheibenvorfall, neurologische Erkrankungen, bei Ödemen, vor und nach Operationen und nach langer Immobilität.
An dieser Stelle ist es außerdem ganz wichtig zu erwähnen, dass ausschließlich nicht-entzündliche Erkrankungen physiotherapeutisch behandelt werden können. Hat das Tier eine Entzündung im Körper, dann kann eine physiotherapeutische Behandlung sogar zu einer Verschlechterung des Gesundheitszustandes beitragen.
RdT: Welche Therapiemethoden bieten Sie an?
Christina Metzger: Massage zur Schmerzlinderung und Entspannung, manuelle Therapie zur Schmerzlinderung und Verbesserung der Gelenkbeweglichkeit, Lymphdrainage bei Ödemen, isometrische (stabilisierende) Spannungsübungen zum Muskelaufbau ohne Gelenkbelastung, Gerätetraining zum Trainieren der gleichmäßigen Belastung aller vier Gliedmaßen, Wärme- und Kälteanwendungen, Magnetfeldtherapie, Reizstromtherapie, Soft-Laser-Akupunktur und Blutegeltherapie.
Das erste und wichtigste Ziel einer physiotherapeutischen Behandlung ist immer die Schmerzlinderung. Manchmal lassen sich Schmerzen mit einfachen Mitteln lindern, manchmal ist es etwas schwieriger, aber lindern kann man immer! Ebenfalls ist es ganz wichtig, dass sich der Hund während der Behandlung wohl fühlt und zu nichts gezwungen oder geschimpft wird. Hat der Hund gerade keine Ruhe, ist möglicherweise der Behandlungszeitpunkt falsch gewählt. Wehrt er sich gegen eine bestimmte Behandlungsform, ist es vielleicht die falsche oder sie verursacht Schmerzen.
RdT: Seit einigen Jahren gewinnt die Aquatherapie bei Hunden mit Gelenkproblemen zunehmend an Bedeutung. In welchen Fällen ist der Einsatz des Aquatrainers sinnvoll?
Christina Metzger: Das Aqua-Therapielaufband wird zur Behandlung von Erkrankungen und Schwächen des Bewegungsapparates eingesetzt, um eine Mobilisierung und Stärkung zu erreichen. Der Auftrieb im Wasser reduziert das zu tragende Eigengewicht, der Körper wiegt beispielsweise nur noch 10% seines ursprünglichen Gewichtes, wenn nur noch der Kopf aus dem Wasser schaut. Gleichzeitig wird durch den Druck des Wassers der Trainingseffekt gesteigert.
Gerade nach operativen Eingriffen ist die Behandlung im Wasser besonders effektiv und schonend. Sehen Sie, es ist ja so, dass ein Hund, der an einem Bein verletzt, operiert oder sonst wie behindert ist, versucht, dieses Bein zu schonen. Dadurch werden die gesunden Gliedmaßen mehr belastet. Durch die Überbelastung werden diese stark beansprucht und schnell geschädigt. Solche Fehl- und Schonhaltungen können durch das Training mit dem Aqua-Therapielaufband ausgeglichen werden.
Auch bei Hunden, die an Arthrosen leiden, empfiehlt sich die Wassertherapie. Man kennt das ja bei älteren Hunden: Probleme beim Aufstehen, staksiger, steifer Gang, und die Hunde haben keinen Spaß mehr am täglichen Spaziergang. Die Folge davon ist, dass die Lebensqualität sinkt. Und wenn wir ehrlich sind, nicht nur für den Hund, als Besitzer leiden wir mit.
Physiotherapeutische Behandlungen sind in der Humanmedizin schon lange als Rehabilitationsmaßnahmen nach Operationen oder Unfällen anerkannt und weit verbreitet. In den USA, Großbritannien und den Niederlanden ist der Einsatz der Physiotherapie als wirkungsvolle Ergänzung zur Tiermedizin mittlerweile selbstverständlich, denn ebenso wie der Mensch leiden auch Tiere an Erkrankungen der Gelenke, Bänder, Knochen, Muskeln und Sehnen. Auch in Deutschland gewinnt die Tierphysiotherapie zunehmend an Bedeutung.
Die Ausbildung zum Hundephysioterapeuten dauert in der Regel 1 Jahr und umfasst im wesentlichen die Bereiche Physiologie, Anatomie, Pathologie, Physiotherapie sowie flankierende Maßnahmen wie Reizstromtherapie, Gerätetraining, Elektrotherapie und Thermotherapie. Die Ausbildungskosten betragen etwa 3.000,- bis 4.000,- Euro.
Die Physiotherapie ist eine der ältesten Heilmethoden der Menschheit. Das Wort Physiotherapie setzt sich aus den griechischen Worten „Physis“ (Natur, Leben oder Körper) und „Therapie“ (Pflegen oder Dienen) zusammen. Den meisten Menschen ist die Physiotherapie eher als Krankengymnastik geläufig. Ihre Anwendung konzentriert sich auf den Bewegungsapparat von Mensch und Tier, also Skelett, Gelenke Muskeln und Gewebe. In der Regel wird die Physiotherapie begleitend zu anderen Behandlungsmethoden eingesetzt. Die Tierphysiotherapie ist in Deutschland kein staatlich anerkannter Ausbildungsberuf.