Obwohl der positive Einfluss eines Haustieres auf Kinder aller Altersgruppen inzwischen in vielen Studien herausarbeitet wurde, hält sich hartnäckig die noch wenig aufgeklärte Ansicht, Haustier und Schwangerschaft (bzw. Baby) seien unvereinbar. Dem Paar wird in Elternratgebern, von Ärzten oder Krankenkassen die Abschaffung vom vierbeinigen Gefährten nahegelegt und diese „Vorsichtsmaßnahme“ mehrfach begründet: Hunde und Katzen könnten ein Hygienerisiko darstellen, Krankheiten übertragen, oder sich durch das Baby zurückgesetzt fühlen und mit Eifersucht, schlimmstenfalls mit Aggression reagieren. Außerdem sei der „Mehraufwand“ für die Tiere und ihre natürlichen Bedürfnisse wie Bewegung, Spiel, Pflege und Beschäftigung von werdenden Eltern und gerade der stillenden Mutter nicht mehr zu bewältigen.
Und so halten sich manch´ verunsicherte Paare an die folgenschweren Hinweise und bringen ihren Freund ins Tierheim – für den plötzlich und unfassbar seine vertraute Welt in Trümmern liegt. Tatsächlich gehören zu den häufigsten Abgabegründen, neben Allergien, Scheidung und Tierhaltungsverbot, die Schwangerschaft bzw. die Ankunft des Babys.
In den meisten Fällen eine rein prophylaktische Maßnahme, wie die bmt-Tierheimmitarbeiter täglich erleben. Und sich vor das Problem gestellt sehen, die trauernden Tiere wieder in ein gutes Zuhause zu vermitteln. Bedauerlich, denn der langjährige Partner auf vier Pfoten hat gar nicht erst die Chance bekommen, ein von allen akzeptierter und geliebter Teil der erweiterten Familie zu werden; er wurde abgeschoben, bevor er sich beweisen konnte. Dabei ist es so einfach, Katzen oder Hunde an ein Baby zu gewöhnen – und für die Eltern so bereichernd zu erleben, wie sich zwischen ihrem Kind und dem Tier eine immer stärkere Bindung entwickelt.
Wichtig: Tiere nicht ausgrenzen
Die Ankunft eines Babys verändert den gesamten Rhythmus des Paares oder der Familie. Das Kleine steht nun im Mittelpunkt des allgemeinen Interesses, bedarf der gesamten Fürsorge und Zuwendung der Eltern. Selbstverständlich bleiben diese Änderungen im gewohnten Tagesablauf Hund und Katze nicht verborgen; je inniger das Verhältnis zu ihren Vertrauenspersonen bis dahin war, je sensibler werden sie registrieren, wenn ihnen jetzt Aufmerksamkeit entzogen wird oder sie „ihre Menschen“ nicht mehr für sich alleine haben dürfen.
Deshalb raten Tierpsychologen und –therapeuten, die Vierbeiner in alle Aktivitäten mit dem Neugeborenen konsequent einzubeziehen. Sie sollen zuschauen, wenn das Kleine gebadet, gewickelt, gefüttert und schlafen gelegt wird und dürfen keinesfalls gemaßregelt werden, wenn sie von sich aus die Nähe von Eltern und Kind suchen.
Ein Wegstoßen, Schimpfen oder panisches Fortziehen des Kindes muss gerade vom Hund negativ aufgefasst werden, weil auf seine Kontaktaufnahme eine scharfe Zurechtweisung folgte. Also wird er das nächste Mal, aus seiner Sicht verständlich, dem Kind misstrauisch entgegentreten – und möglicherweise nun erst recht gestraft werden. Damit beginnt unter Umständen ein unheilvoller Kreislauf, der für den Hund häufig mit dem endgültigen Ausschluss aus dem Familienkreis endet. „Er hat das Kleine einfach nicht akzeptiert; wir mussten ihn fortgegeben, bevor Schlimmeres passiert wäre“, heißt es dann. Und tatsächlich sind dem Vierbeiner einfach nur die falschen Signale vermittelt worden.
Schnupperkontakt unter Aufsicht
Wenn sich der Hund jedoch – wie in den allermeisten Fällen – geduldig und ruhig in Anwesenheit des Babys verhält, keine Zeichen von Erregung oder Anspannung zeigt, sollte man ihn dafür loben. Auch Tiere, die möglicherweise in den ersten Tagen auf den ungewohnten Familienzuwachs noch mit Nervosität reagieren, können in das Geschehen einbezogen werden, indem man sie auf ihrer Decke in der Nähe von Mutter und Kind Platz nehmen lässt, mit ihnen spricht und sie für ihr besonnenes Verhalten belohnt.
Jede Kontaktaufnahme zwischen Hund und Baby sollte (übrigens auch im fortgeschrittenen Kindesalter) immer unter Beaufsichtigung stattfinden. Diese Sicherheitsmaßnahme dient Beiden: Das Kleine kann durch plötzliches Geschrei, strampelnde Bewegungen, unabsichtliche Tritte oder schmerzhafte Griffe (Schwanz, Ohr, Auge) selbst den geduldigsten Hund so verunsichern, dass er bellt, knurrt oder hektisch wird und mit seiner „unvorhersehbaren“ Reaktion wiederum das Kind und seine Eltern erschreckt.
Am besten tragen Mutter oder Vater ihren Nachwuchs im Arm, während der Vierbeiner den so wichtigen Schnupperkontakt herstellt. Gerade bei den ersten Begegnungen sollte der Hund dabei leicht am Halsband gehalten und für sein vorsichtiges Schnüffeln gelobt werden.
Vertrauter Geruch – der Trick mit dem Strampler
Man erleichtert den Tieren die Akzeptanz des neuen Familienmitgliedes, indem man sie schon früh mit dem Geruch des Babys vertraut macht. So wird geraten, dass Väter einen benutzten Strampelanzug (oder Windel) aus dem Krankenhaus mitbringen, Hund oder Katze zum ausgiebigen Beschnüffeln überlassen und anschließend zur Gewöhnung auf ihren Schlafplatz legen sollen.
Die Tiere kennen dann bereits den Geruch des neuen Erdenbürgers und empfinden ihn bei seinem Einzug nicht mehr als fremd. Um die Vierbeiner in ihrer vertrauten Umgebung nicht auszugrenzen, ist es wichtig, ihnen – selbstverständlich immer unter Aufsicht – freien Zugang in alle Räume zu gestatten, in denen das Baby versorgt wird. Allerdings sollten weder Hunde noch Katzen mit dem schlafenden Neugeborenen alleine gelassen werden. Gerade Katzen kuscheln sich mit Vorliebe ins Kinderbett und können dabei zu einer sehr großen Gefahr werden, wenn sie sich direkt auf das Baby oder dicht an sein Gesicht legen.
Trotz Baby: Beschäftigung mit dem Tier
Hunde, die sich vernachlässigt fühlen, neigen zu verstärkter Anhänglichkeit. Sie folgen ihren Besitzern auf Schritt und Tritt, wollen besonders viel gestreichelt und beachtet werden. Dagegen protestieren Katzen auf ihre stille Art, wenn sie meinen, übergangen zu werden: Sie ziehen sich zurück, verstecken sich, verweigern das Futter und können sogar unsauber werden.
Doch soweit muss es nicht kommen, wenn die Bedürfnisse der Tiere auch unter den veränderten Umständen weiter ernst genommen werden. Selbstverständlich brauchen Hunde auch nach Ankunft des Kindes Bewegung und Beschäftigung, Katzen ihre besonderen Spielzeiten und die fürs Wohlbefinden so notwendigen Schmusestunden mit ihren geliebten Menschen. Hier sind Partner und Kinder sicherlich stärker als bisher gefordert, sich um die vierbeinigen Freunde zu kümmern und für ihr Wohlergehen zu sorgen.
Und sollte wirklich mal keine Zeit für den Auslauf des Hundes sein, gibt es verschiedene Möglichkeiten, dem Tier gerecht zu werden: In fast jeder Stadt bieten Hundesitter an, Vierbeinern regelmäßigen Auslauf (gegen geringe Bezahlung) zu verschaffen. Auch hundeerfahrene Pensionäre oder Schüler, die selbst kein Tier halten dürfen, übernehmen oft sehr gerne Hundegänge.
Haustiere – ein Hygienerisiko?
Gerade von Nicht-Tierbesitzern wird oft die – wenig kenntnisreiche – Auffassung vertreten, Hunde oder Katzen seien ein potentielles Erkrankungsrisiko für Schwangere und später für das Baby. Den verantwortungsvollen Umgang (regelmäßige Tierarztbesuche, Wurmkuren, Impfungen, Behandlung von Parasiten wie Zecken, Flöhe etc.) mit dem Tier vorausgesetzt, können Fachleute diese Auffassung nicht teilen.
Denn das Baby ist nicht nur durch die Plazenta vor den meisten Keimen geschützt, sondern es entwickelt bereits im Mutterleib Abwehrkräfte gegen sein Umfeld. Erfreulich: Auch die Neigung an Tierhaarallergien zu erkranken, ist nach aktuellen schwedischen Untersuchungen bis zu 80% verringert, wenn das Baby in einen Haushalt, in dem bereits Tiere leben, hineingeboren wird.
Selbstverständlich dürfte jedoch sein, dass die Schwangere bzw. die stillende Mutter auf besondere Hygiene achtet. Dazu gehören hauptsächlich: Händewaschen nach der Beschäftigung mit Hund oder Katze, Belecken von Gesicht oder offenen Wunden nicht zuzulassen und bestimmte Tätigkeiten, wie das Reinigen der Katzentoilette (auch Gartenarbeit), nur mit Handschuhen durchzuführen oder Familienmitglieder darum zu bitten.
Toxoplasmose – häufigste Übertragung durch rohes Fleisch
Von allen Zoonosen (vom Tier auf den Menschen übertragene Krankheiten) stellt einzig die Toxoplasmose eine Gefahr für das Ungeborene dar. Für Babys, Kleinkinder oder Erwachsene ist die Infektion harmlos und geht oft völlig unbemerkt vorüber (grippeähnliche Beschwerden). Doch bevor sich die Schwangere tatsächlich ansteckt, müssen eine Reihe unglücklicher Zufälle zusammentreffen.
Katzen, als die spezifischen Endwirte dieses Erregers, scheiden über ihren Kot Toxoplasmen aus, wenn sie sich durch das Fressen von Mäusen (rohes Fleisch) infiziert haben. Mit Fertigfutter ernährte Wohnungskatzen kommen als Überträger also kaum in Frage. Der Großteil aller Katzen und Menschen (50-80%) sollen, laut Untersuchungen von Infektiologen, ohnehin immun gegen den Erreger Toxoplasma gondii sein, weil sie in ihrem Leben schon einmal eine Infektion durchgemacht haben. Menschen, Hunde und andere Haustiere können Toxoplasmose nicht übertragen!
Wenn infizierte Freigänger-Katzen in der Ansteckungsphase sind, scheiden sie über ihren Kot so genannte Oozysten aus, die in optimalen Umgebungsverhältnissen (feuchte, warme Gartenerde) bis zu 2 Jahre infektiös bleiben können. Jetzt müsste eine schwangere Frau, die selbst noch keine Toxoplasmose-Infektion hatte, in eben jener Gartenerde arbeiten, sich die kontaminierten Finger in den Mund stecken bzw. eine offene Wunde berühren und sich so mit dem Erreger infizieren (Erstinfektion).
So gehen Sie auf Nummer sicher!
- Auf Wunsch führen Gynäkologen eine Blutuntersuchung auf Toxoplasmose-Antikörper (Toxoplasmose-Suchtest) durch. Werden Antikörper im Blut gefunden, ist das Ungeborene über die Immunität der Mutter vor einer Infektion geschützt. Am sinnvollsten sind solche Untersuchungen natürlich vor der Empfängnis; doch auch im seltensten Fall einer Infektion währendder Schwangerschaft, können nun für den Fötus unschädliche Antibiotika eingenommen werden
- Weil die Hauptansteckungsgefahr von rohem Fleisch ausgeht, ist es besonders wichtig, dass in der Schwangerschaft kein rohes Fleisch (Mett, Tartar, Carpaccio, halb durchgebratenes Steak etc.) oder roher Fisch (Sushi) gegessen wird. Vorsicht auch vor rohem Schafskäse, Lammsalami und nicht garem Hammelfleisch; die Tiere können unter Umständen Oozysten beim Grasen aufgenommen haben.
Wichtiger Lernprozess: Verständnis beim Kleinkind fördern
So wie von Hunden und Katzen erwartet wird, dass sie sich umsichtig mit dem Kleinen verhalten, haben die Eltern es in der Hand, ihrem Nachwuchs sehr früh Achtung und Rücksichtsnahme vor dem vierbeinigen Partner zu vermitteln. Allein zu ihrer eigenen Sicherheit müssen Kinder früh lernen, dass Hunde niemals gestört werden dürfen, wenn sie fressen, schlafen, sich mit einem Kauartikel, Spielzeug oder Artgenossen beschäftigen. Die meisten Beißunfälle geschehen deshalb, weil sich das unbeaufsichtigte (Klein)kind dem Futternapf des Hundes genähert oder nach seinen Knochen gegriffen und damit eine Bedrohung für das Tier dargestellt hat.
Katzen brauchen ebenfalls ungestörte Rückzugsmöglichkeiten und die Chance, auf Plätzen zu ruhen, die für die Sprösslinge nicht erreichbar sind. Dies gilt in besonderem Maße auch für Kleintiere, die schutzlos den ungestüm greifenden Kinderhänden ausgeliefert sind. Immer wieder müssen Tierärzte bedauernswerte Kaninchen und Meerschweinchen mit gebrochenen Gliedmaßen und verrenkten Wirbeln behandeln, weil sie unglücklich fallen gelassen oder im Spiel schwer verletzt wurden. Auch die nachtaktiven Hamster leiden körperlich und seelisch sehr, wenn sie wider ihren natürlich Rhythmus tagsüber gestört werden. Kleintiere, und das rät der bmt eindringlich allen Eltern, gehören nicht ins Kinderzimmer, die Betreuung auf keinen Fall in Kinderhände!
Wie sich die Beziehung zwischen dem kleinen Erdenbürger und dem Haustier entwickelt, hängt von den Eltern ab. Wenn die Erwachsenen den Vierbeinern mit Respekt und Fairness entgegentreten, werden sich auch die Kinder ähnlich verhalten und lernen, dass der vierbeinige Freund kein „Spielzeug“ ist, sondern ein Lebewesen mit Gefühlen und eigenen Wünschen. Eine schöne Aufgabe für Eltern, die sich selbst an dem harmonischen Miteinander zwischen Kindern und Tieren erfreuen können.