Ratgeber - Interview - Vergiftungen bei Tieren

Gerade die Substanzen, die für die menschliche Gesundheit förderlich sind, können beim Vierbeiner schwerste Vergiftungserscheinungen hervorrufen und unbehandelt sogar zum Tod führen. Wie sich Vergiftungen durch Nahrungsmittel äußern, welche Stoffe für Tiere gefährlich werden können und was für Sofort-Maßnahmen im Notfall ergriffen werden sollten, sagt Ihnen Dr. Uwe Wagner.

Die unterschätzte Gefahr:
Vergiftungen durch Lebensmittel

In Zwiebeln, Avocados und Weintrauben stecken wertvolle Inhaltsstoffe. Doch was den Wenigsten bekannt ist: Gerade die Substanzen, die für die menschliche Gesundheit förderlich sind, können beim Vierbeiner schwerste Vergiftungserscheinungen hervorrufen und unbehandelt sogar zum Tod führen.

Wie sich Vergiftungen durch Nahrungsmittel äußern, welche Stoffe für Tiere gefährlich werden können und was für Sofort-Maßnahmen im Notfall ergriffen werden sollten, sagt Ihnen Dr. Uwe Wagner. Der niedergelassene Tierarzt aus Reutlingen leitet den bmt-Landesverband Baden-Württemberg.

RdT: Warum werden Vergiftungen durch Lebensmittel oft zu spät oder gar nicht erkannt?

Dr. Uwe Wagner: Weil kaum ein Tierhalter weiß, welche Substanzen in Lebensmitteln bei Hund oder Katze toxisch wirken können.

RdT: Welche Lebensmittel sind für Haustiere besonders gefährlich?

Dr. Uwe Wagner: Zwiebeln, Weintrauben, Rosinen, Avocados, Kernobst, rohe Bohnen, grüne oder gekeimte Kartoffeln und Schokolade.

RdT: Dass Schokolade aufgrund ihres Theobromingehalts für Hunde tabu sein sollte, dürfte den meisten Menschen eigentlich bekannt sein…

Dr. Uwe Wagner: Dennoch gibt es immer Vergiftungsfälle, weil offen liegen gelassene Schokolade vom Hund gefunden wurde oder Kinder heimlich ihren vierbeinigen Freund gefüttert haben. Übrigens: Je dunkler die Schokolade, desto höher der Theobrominanteil. Kakaopulver enthält die größte Menge, weiße Schokolade am wenigsten.

RdT: Wann treten die ersten Vergiftungssymptome auf?

Dr. Uwe Wagner: Erst nach Stunden, weil Theobromin sehr langsam gelöst und vom Darm aufgenommen wird. Diese verzögerte Reaktion macht es für Hundehalter oft schwierig, nachzuvollziehen, welche Substanz ihr Tier wann und wo gefressen hat.

Symptome sind: Starke Unruhe, Pulsbeschleunigung, Zittern, häufiges Urinieren, Krämpfe, Atembeschwerden und Herzrhythmusstörungen. Die akut lebensgefährliche Dosis liegt zwischen 250 und 500 mg pro Kilo Körpergewicht. Aber Vergiftungssymptome zeigen sich meist schon in sehr geringen Dosen. So können wenige Riegel Zartbitter für einen Zwergpinscher tödlich sein, wenn keine rechtzeitige Behandlung erfolgt.

RdT: Was raten Sie, wenn ein Vierbeiner eine giftige Substanz aufgenommen hat?

Dr. Uwe Wagner: Grundsätzlich empfehle ich, sofort in die Tierklinik oder zum Tierarzt zu fahren. Ist das aus bestimmten Gründen (Wochenende, Nacht, Reise etc.) nicht möglich, sollte ein Tierarzt telefonisch um Rat gefragt werden. Beratungen gibt es auch bei allen Giftinformationszentralen in Deutschland (s. Kasten). Mein Tipp: Wirklich immer genau aufpassen, was das Tier frisst, im Garten oder auf dem Spaziergang gefunden hat. Das gilt besonders, wenn es sich um junge, verspielte Tiere handelt.

RdT: Welche Erste-Hilfe-Maßnahmen können Tierhalter selbst einleiten?

Dr. Uwe Wagner: Zuerst einmal: Ruhe bewahren, um das Tier nicht zusätzlich aufzuregen. Dann sollte sein Maul ausgespült und viel zu trinken gegeben werden. Über weitere Therapien (s. Kasten 2) entscheiden Tierarzt und/oder Fachleute aus der Giftinfozentrale.

Ob ein Tier an den Vergiftungssymptomen stirbt, hängt neben der Früherkennung und rechtzeitigen Behandlung immer auch von seinem Allgemeinzustand und Alter ab. Je höher die aufgenommene Menge des Stoffes, je jünger oder geschwächter der Vierbeiner, desto schlechter stehen meist seine Chancen.

RdT: Warum vertragen Hunde und Katzen eigentlich keine Zwiebeln?

Dr. Uwe Wagner: Es ist weitaus mehr als eine bloße Unverträglichkeit. Rote und weiße Zwiebeln, ob roh, gekocht, getrocknet oder gebraten, sind lebensgefährlich für Tiere. Sie rufen eine Hämolyse hervor, das heißt: Die roten Blutkörperchen (Erythrozyten) lösen sich auf.

RdT: Für Menschen sollen die schwefelhaltigen, ätherischen Öle, die beim Schneiden die Tränen fließen lassen, besonders gesund sein…

Dr. Uwe Wagner: Stimmt. Aber gerade diese Schwefelverbindungen sind es, die eine hochgradig toxische Wirkung bei Vierbeinern haben. Bei uns nicht. Das liegt daran, dass die menschlichen Erythrozyten eine andere Enzymausstattung haben.

RdT: Kann schon eine versehentlich gefressene Zwiebel zum Vollbild der Erkrankung führen?

Dr. Uwe Wagner: Man geht von 5-10 g Zwiebeln (1/2 - 1 Zwiebel) aus, die zur hämolytischen Anämie führen. Die ersten Symptome, nach Erbrechen und Durchfall, stellen sich erst nach ein bis drei Tagen ein. Der Patient wird schwach, appetitlos, die Schleimhäute blass, Herz- und Atemfrequenz sind beschleunigt. Im Urin zeigen sich Blutspuren.

Wenn keine Zwiebeln mehr gefüttert oder gefressen werden, erholt sich das Tier innerhalb einer Woche. Die Behandlung durch den Tierarzt ist eine symptomatische: Schonkost, Antibiotika und Vitamingaben.

RdT: Bei Vergiftungen mit Avocados muss schnell gehandelt werden…

Dr. Uwe Wagner: Genau, solche Vergiftungen können tatsächlich oft tödlich enden. Einige Arten der Avocados enthalten das Toxin Persin. Diese Substanz ist nur für Tiere giftig, für Menschen nicht. Die ganze Pflanze hat übrigens auf alle Tiere, vom Schaf über das Kaninchen bis zum Fisch, eine hochgradig toxische Wirkung.

RdT: Was bewirkt Persin im Körper der Tiere?

Dr. Uwe Wagner: Es schädigt den Herzmuskel irreparabel. Vergiftungssymptome sind: Husten, Atemnot, erhöhte Herzfrequenz, Wassereinlagerungen an Hals und Unterbauch.

RdT: Vorsicht ist auch bei Steinobst angesagt. Wenn Haustiere Plaumen, Aprikosen, Pfirsiche oder Kirschen gefressen haben, können ihre Besitzer durch den auffälligen Bittermandelgeruch aus der Atemluft schnell Schlüsse auf eine Vergiftung ziehen. Wie entsteht dieser Geruch?

Dr. Uwe Wagner: Diese Kerne enthalten verschiedene Toxine (Amygdalin, Prunasin). Sie spalten im Organismus Blausäure ab, so dass in Folge die Zellatmung blockiert wird. Neben dem wirklich starken Bittermandelgeruch (auch im Erbrochenen) leidet das Tier unter Übelkeit, Speicheln, Herzklopfen und Atembeschwerden.

RdT: Amerikanische und britische Zentren für Vergiftungen bei Haustieren bezeichnen Weintrauben und Rosinen als pures Gift für Haustiere...

Dr. Uwe Wagner: Die Aufnahme von Trauben und stärker noch von Rosinen führt oft schon nach 24 Stunden zu schwerstem Nierenversagen. Die ersten frühen Symptome sind Erbrechen, Durchfall, Bauchschmerzen, Appetitlosigkeit – und später Zurückhaltung des Harns. Zu diesem Zeitpunkt sind die Nierenwerte im Blut bereits erhöht und die Kalziumwerte angestiegen (Hyperkalzämie). Eine Heilung des Hundes ist nur möglich, wenn die Nieren noch nicht massiv geschädigt sind.

Wenn Sie beobachten, dass Ihr Vierbeiner Weintrauben oder Rosinen gefressen hat, bringen Sie ihn sofort zum Erbrechen und danach in die Tierklinik. Hier sollte er unter laufender Kontrolle der Blutwerte stationär aufgenommen und Infusionen (Tropf) erhalten.

RdT: Welche Inhaltsstoffe in den Trauben sind denn so gefährlich und in welcher Konzentration akut lebensbedrohlich?

Dr. Uwe Wagner: Zur ersten Frage: Das ist bis heute nicht genau erforscht. Möglicherweise sind es die Inhaltsstoffe, ihre Wirkung auf den Organismus von Tieren oder Belastungen durch Pestizide, Schwermetalle oder Pilzmittel. Vielleicht auch alles zusammen.

Die letale Dosis? Forscher gehen von ca. 230 Trauben bei einem 20 Kilo schweren Hund aus. Das entspräche ungefähr 11 Gramm Trauben pro Kilo Körpergewicht. Für die wesentlich stärker konzentrierten Rosinen sind allerdings schon Todesfälle nach einer Aufnahme von 14 Gramm (Labrador) bekannt. Zum Vergleich: Verkauft werden Rosinen in Tüten von 250 oder 500 Gramm; 14 Gramm sind also verhältnismäßig wenig.

RdT: Was ebenfalls unterschätzt wird: Auch Zigaretten können tödlich sein, wenn sie vom jungen, neugierigen Vierbeiner im Spiel zerkaut und verschluckt werden.

Dr. Uwe Wagner: Entsprechend Nikotingehalt und Größe des Hundes können schon 2 Zigaretten das Ende für den Vierbeiner bedeuten. Vorsicht auch mit Raucherentwöhnungspflastern; sie enthalten oft hohe Mengen Nikotin. Auf den Stoff reagieren Hunde mit spontanem Erbrechen, Krämpfen, Atem- und Kreislaufbeschwerden bis hin zur Todesfolge.

Erste Hilfe bei Vergiftungen

Die Krankheitsanzeichen hängen von der Art des aufgenommenen Gifts ab. Häufig erbricht das Tier, jedoch nicht zwangsläufig bei allen Vergiftungen. Nehmen Sie unverzüglich Kontakt zu Ihrem Tierarzt auf, wenn Sie den Verdacht auf eine Vergiftung haben, und geben ihm klare Anhaltspunkte:

  • Welche Substanz hat das Tier gefressen?
  • Wie wurde es aufgenommen (Lecken, Fressen, Schnüffeln, Trinken, über die Haut, die Atemwege etc.)?
  • Wie alt (krank) ist der Vierbeiner, wie hoch sein Gewicht?
  • Welche Symptome zeigt er?
  • Haben Sie schon eine Behandlung durchgeführt?

Nehmen Sie dem Tierarzt das Erbrochene oder Reste des verdächtigen Stoffs mit. Ihr Tierarzt kann (meist in Zusammenarbeit mit einer Giftzentrale) nur dann gezielte Gegenmaßnahmen ergreifen, wenn er weiß, um welche Substanz es sich handelt.

Behandlung und Therapie
  • Injektion eines Brechmittels/Magenspülung. Diese Maßnahme ist nur dann sinnvoll, wenn wenig Zeit vergangen ist. Nach über 30 Minuten befindet sich das Gift nicht mehr im Magen.
  • Dann wird Aktivkohle verabreicht, die das Gift im Körper binden soll. Sie wird in Wasser aufgelöst und über einen Schlauch in den Magen gepumpt.
  • Über harntreibende oder abführende Mittel kann die Ausscheidung des gebundenen Gifts beschleunigt werden.
  • Außerdem: Kreislaufstabilisierung, gegebenenfalls Infusionen, Antibiotika, Vitamin- und Nährstoffgaben

Gefahr im Garten

PflanzeSymptome
Gartenbohne (nur roh)
Toxin Phasin
Erbrechen, Bauchkrämpfe, blutiger Durchfall, Kollaps.
Todesfälle nach großen Mengen bekannt
Kartoffeln
Toxin Solanin in rohen und gekeimten Kartoffeln. Gehalt in der Schale am höchsten.
Daher Vergiftung auch durch Pell- und Grillkartofeln.
Erbrechen, Durchfall
Holunder BeereMagen-Darmbeschwerden
Eibe (Nadeln) Erbrechen, Unruhe, Durchfall, Herz-Kreislaufstörungen, Atembeschwerden, Krämpfe, Nierenreizung. Tod durch Atemlähmung. Tödliche Dosis: ca. 30g.
Engelstrompete Atembeschwerden. Tod durch Atemlähmung
Rizinus (Samen) Starke Magen-Darmentzündungen mit blutigem Durchfall, Schwäche Apathie, Koma, Multiorganversagen. Tödlich ab 1-2 g/kg Körpergewicht.
Oleander Erbrechen, Herzrhythmusstörung, gestörter Bewegungsablauf, Schock
Goldregen (Samen) Erbrechen, Zittern, Krampfanfall, Kreislaufbeschwerden, Speichelfluss
Lebensbaum (Thuja) Blasenbildung auf Haut- und Schleimhaut, Magen-Darmbeschwerden, Leber- und Nierenreizung
Stechpalme (Früchte) Erbrechen, Zittern, Durchfall, Apathie, erhöhte Leber- und Nierenwerte
Dieffenbachia Philodendron Schleimhautreizungen, Erbrechen, Kolik, Durchfall, Bewusstseinsstörungen, Koma
Amaryllis (Zwiebeln) Erbrechen, Durchfall, Herzrhythmusstörungen