Ratgeber - Interview - Diabetes bei Hund und Katze

Diabetes gehört zu den häufigsten hormonell bedingten Erkrankungen bei Haustieren. Ca. 40.000 Katzen und Hunde sind laut Fachliteratur zuckerkrank. Was macht diese Erkrankung so gefährlich, und bei welchen frühen Symptomen sollten Tierhalter aufmerksam werden und eine Kontrolluntersuchung beim Tierarzt veranlassen?

Diabetes bei Hund und Katze
Der lebensrettende Pieks

Diabetes gehört zu den häufigsten hormonell bedingten Erkrankungen bei Haustieren. Ca. 40 000 Katzen und Hunde sind laut Fachliteratur zuckerkrank. Was macht diese Erkrankung so gefährlich, und bei welchen frühen Symptomen sollten Tierhalter aufmerksam werden und eine Kontrolluntersuchung beim Tierarzt veranlassen?

Dr. Uwe Wagner, Tierarzt und Leiter des Landesverbandes Baden-Württemberg, über Diagnose, Therapie und Spätfolgen

Bmt: Welche Anzeichen können auf Diabetes hinweisen?

Dr. Uwe Wagner: Gewaltiger Durst, häufiges Urinieren, Heißhungeranfälle bei Gewichtsabnahme und allgemeine Mattigkeit, Lethargie und Schwäche, manchmal auch Lähmungserscheinungen von Hintergliedmaßen und Schwanz.

Bmt: Was passiert im Stoffwechsel von zuckerkranken Vierbeinern?

Dr. Uwe Wagner: Sie müssen sich das so vorstellen: Bevor die tägliche Nahrung vom Körper verwertet werden kann, muss sie im Darm in ihre Einzelteile zerlegt werden. Kohlenhydrate werden dabei zu Zucker (Glucose) abgebaut, vom Darm resorbiert (aufgenommen) und ins Blut abgegeben. Die Glucose liefert den Zellen des gesamten Organismus Energie – doch die Voraussetzung, dass die Zellen die Energie überhaupt aufnehmen können, ist das Vorhandensein von Insulin. Produziert die Bauchspeicheldrüse nun zu wenig Insulin, wie beim Typ 1-Diabetes, findet die Glucose nicht den Weg in die Zelle. Die Folge: Der Blutzuckerspiegel steigt; bei einer Untersuchung liegen die Werte dann weit über der Norm.

Bmt: Und wie kommt es zu dem ständigem Durst, der ja typisch für Diabetes ist?

Dr. Uwe Wagner: Wenn der Blutzuckerspiegel zu hoch ist, wird Glucose über die Niere ausgeschieden (was sonst nicht der Fall ist) und damit auch vermehrt Wasser. Der Körper trocknet aus, die Tiere haben dauernd Durst.

Bmt: Kann jedes Tier zuckerkrank werden?

Dr. Uwe Wagner: Im Prinzip schon. Hunde und Katzen können in jedem Alter erkranken, häufiger allerdings, wenn sie auf das letzte Lebensdrittel zugehen. Unkastrierte Hündinnen öfter als Rüden. Als besonders disponierte Rassen gelten Pudel, Dackel, Spitz und Terrier. Ausschlaggebend sind außerdem, wie beim Menschen auch, die genetische Veranlagung, andere Krankheiten, Stress, falsche Ernährung (zucker- und fettreich), Übergewicht und Bewegungsmangel.

Bmt: Ist Diabetes heilbar?

Dr. Uwe Wagner: Grundsätzlich nicht. Einzig, wenn die Zuckerkrankheit im Zusammenhang mit einer anderen Grunderkrankung steht. Zum Beispiel mit dem Sexualzyklus der Hündinnen: Dann macht die Kastration eine Behandlung mit Insulin überflüssig. Das gilt aber nur bei Hündinnen, nicht bei Katzen.

Bmt: Wird Diabetes bei Katzen anders behandelt als bei Hunden?

Dr. Uwe Wagner: Nein. Mit obiger Ausnahme wird die Therapie immer in Insulingaben, Ernährungsumstellung, Gewichtsabnahme und regelmäßiger Bewegung bestehen. Die Bewegung ist sehr wichtig, weil sie die körpereigene Kontrolle des Blutzuckers verbessert. Übergewicht ist ein verstärkender Risikofaktor bei zuckerkranken Tieren und muss schonend (in 2 - 4 Monaten) abgebaut werden. Die Kost (proteinreich, kohlenhydratarm) sollte auf zwei feste Tageszeiten mit jeweils gleicher Futtermenge verteilt werden, bei Katzen möglichst über mehrere kleine Mahlzeiten über den ganzen Tag.

Bmt: Der Insulinmangel beeinträchtigt den gesamten Stoffwechsel. Welche Folgeschäden können auftreten, wenn die Krankheit zu spät erkannt wird?

Dr. Uwe Wagner: Unbehandelt ist Diabetes eine wirklich gefährliche Erkrankung, die massive Schäden bis zur Erblindung nach sich ziehen kann. Von einem Insulinmangel sind der Kohlenhydrat-, der Fett- und der Eiweißstoffwechsel betroffen; so entstehen zum Beispiel durch den entgleisten Fettstoffwechsel saure Reste (Ketonkörper), die sich im Blut ansammeln und zu lebensgefährlichen Vergiftungserscheinungen führen.

Bei fortgeschrittenem Diabetes haben Sie immer auch massive Verschiebungen im Elektrolythaushalt der Tiere mit entsprechenden schweren gesundheitlichen Störungen. Wie Erbrechen, Durchfall, Harnwegsinfekten, Austrocknung (Dehydratation), Linsentrübung und erhöhter Thromboseneigung. Bei schwer kranken, unbehandelten Katzen kann es zu Nervenschäden mit Bewegungsstörungen, Gelbsucht und Schock kommen, die mit diabetischem Koma und Tod enden.

Bmt: Gibt es Faktoren, die die Diagnose negativ beeinflussen können?

Dr. Uwe Wagner: Ja. Der Blutzuckerwert ist nur dann aussagekräftig, wenn er beim nüchternen Tier gemessen wurde. Die letzte Mahlzeit vor der Blutabnahme am Morgen sollte spätestens gegen 16.00 Uhr des Vortages gegeben werden. Falsche Werte können u.U. auch bei Katzen erzielt werden, wenn sie während der Untersuchung sehr nervös sind. Dann werden Stresshormone freigesetzt, die den Zucker mobilisieren und den Blutzuckerspiegel in die Höhe treiben.

Bmt: Die Therapie bei Diabetes besteht in der täglichen Insulingabe, in der Regel per Spritze. Haben Ihrer Erfahrung nach Besitzer von erkrankten Tieren damit Probleme?

Dr. Uwe Wagner: Nein, weil das Spritzen unter die Haut (subcutan) ganz leicht zu handhaben ist und für Hund oder Katze nur ein kleiner Pieks ist. Wird die Zuckerkrankheit im Frühstadium erkannt, genügen sogar oft noch eine Futterumstellung.

Bmt: Was passiert, wenn die Insulinspritze einmal daneben geht? Soll man die nächste Dosis entsprechend erhöhen?

Dr. Uwe Wagner: Auf gar keinen Fall! Ein einmaliges Aussetzen der Dosis ist unbedenklich – aber ein Zuviel immer lebensbedrohlich! Bei einer Insulin-Überdosierung sinkt der Blutzuckerspiegel so rapide ab, dass Lebensgefahr bestehen kann. Anzeichen für eine zu hohe Insulingabe beim Tier sind Nervosität, Angst, Muskelzittern, Bewegungsstörungen und erweiterte Pupillen. Sollte es zu dieser bedrohlichen Situation kommen, geben Sie sofort Traubenzucker in die Backen oder, falls das Tier nicht (mehr) schluckt, schmieren Sie Honig auf die Zunge.

Bmt: Herr Dr. Wagner, wir danken für das Gespräch.

Die wichtigsten Infos in Kürze

Je früher Diabetes diagnostiziert wird,
desto besser die Behandlungsaussichten!

  • - Bei ersten Warnsymptomen wie gesteigertem Durst und häufigem Wasserlassen sofort den Tierarzt aufsuchen. Weitere Krankheitsanzeichen: Heißhunger mit gleichzeitigem Gewichtsverlust, Linsentrübung.
  • - Während der Therapie müssen weiter Wasserausscheidung und Trinkverhalten kontrolliert werden. Außerdem: Überprüfung des Glucosegehalts im Nüchternharn mit Urin-Teststreifen (aus der Apotheke) und regelmäßige Bestimmung des Langzeitzuckers im Blut (beim Tierarzt).
  • - Sobald sich die Symptome normalisiert haben, ist das Therapieziel erreicht, auch wenn zu diesem Zeitpunkt der Blutzucker noch nicht ganz im Normbereich sein sollte.
  • - Wichtig (neben täglicher Insulindosis) für Therapieerfolg: Menge und Zusammensetzung des Futters (rohfaserreich=erhöhter Anteil von Reis, Gemüse etc.). Verboten sind: leicht lösliche Kohlenhydrate wie Kuchen, Süßigkeiten, Trauben- oder Milchzucker. Tipp: Fertiges Diätfutter für Diabetiker gibt es im Futtermittelhandel.