Ratgeber - Interview - Der alte Hund

Jeder Hundebesitzer wünscht sich, dass sein vierbeiniger Freund so lange wie möglich gesund und fit bleibt. Doch wann ein Hund zu altern beginnt, ist erblich bedingt und von uns nicht zu beeinflussen. Was wir allerdings durch gezielte Maßnahmen unterstützen können, ist ein gesundes Altern unseres Hundes.

Bilderserie "Alter Hund"
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Unsere Partner mit der grauen Schnauze
Lebensqualität im Alter erhalten

Jeder Hundebesitzer wünscht sich, dass sein vierbeiniger Freund so lange wie möglich gesund und fit bleibt. Doch wann ein Hund zu altern beginnt, ist erblich bedingt und von uns nicht zu beeinflussen. Was wir allerdings durch gezielte Maßnahmen unterstützen können, ist ein gesundes Altern unseres Hundes.

Die Zauberworte heißen Vorbeugung und Früherkennung. Was wir tun können, um unserem Hund seine Lebensqualität und Gesundheit bis ins hohe Alter zu erhalten, erklärt Tierärztin Annegret Link aus Otter (bei Hamburg).

RdT: Wann beginnt ein Hund zu altern?

Annegret Link: Das kann man pauschal so nicht sagen. Der Alterungsprozess setzt bei jedem Hund individuell ein, weil er genetisch festgeschrieben und individuell ist. Im Durchschnitt spricht man ungefähr ab dem 7. Lebensjahr von einem älteren Tier. Allerdings ist der zeitliche Altersablauf auch rasseabhängig; die Riesenrassen (Dogge, Bernhardiner etc.) zeigen häufig schon mit 6 Jahren Altersanzeichen, kleine Hunde dagegen erst viele Jahre später.

RdT: Vielen Hunden merkt man ihr Alter kaum an...

Annegret Link: Stimmt. Der Altersvorgang entwickelt sich oft ganz schleichend und fällt den Besitzern häufig erst auf, wenn der langjährige Weggefährte eine graue Schnauze bekommt. Neben der erblichen Komponente tragen natürlich auch die individuellen Lebensumstände zu schnellerer Degeneration und altersbedingten Verschleißerscheinungen bei. Bewegungsarmut, unausgewogene Ernährung, körperliche und seelische Belastungen können ein Tier früher altern lassen als ein optimal gehaltenes und psychisch ausgeglichenes.

RdT: Die Lebenserwartung von Hunden ist im Vergleich zu früher deutlich gestiegen. Woran liegt das?

Annegret Link: An mehreren Faktoren. Impfschutz, altersgerechte Ernährung und umfassende Gesundheitsvorsorge haben im Durchschnitt zu einer höheren Lebenserwartung geführt. Das hat jedoch auch einen negativen Effekt: Denn heute bekommen unsere Hunde – als direkte Folge des gestiegenen Lebensalters – wesentlich häufiger als noch vor 20 Jahren Zivilisationskrankheiten (Diabetes, Herz-Kreislauf, Arthrose, Rheuma, Krebs etc.).

RdT: Das Altern ist keine Krankheit, sondern ein natürlicher Prozess. Die Leistungsfähigkeit von Organen und Gewebe lässt langsam nach. Wie wirkt sich dieser allmähliche Abbau aus?

Annegret Link: Allgemein gesprochen als Vitalitätsverlust und zunehmender Leistungseinschränkung. Im Alter kommt es zu einer Reduzierung der Zellmasse. Davon sind besonders Muskeln, Nieren und Gehirn betroffen. Dieser Abbau führt zu einer:

  • verminderten Leistung der Muskulatur (Besitzer stellen fest, dass ihr Hund schneller ermüdet und sein Bewegungsdrang abnimmt)
  • schwächeren Herzleistung, reduzierten Lungenkapazität und schlechterer Sauerstoffversorgung von Organen und Gewebe
  • eingeschränkten Tätigkeit der Hormondrüsen
  • länger andauernden Infektionen (der Hund überwindet Krankheiten schwerer und seine Genesung dauert länger).

RdT: Welche Voraussetzungen können wir schaffen, um unserem Hund ein gesundes Altern zu ermöglichen?

Annegret Link: Den größten Einfluss auf die Alterung hat die Ernährung. Wie wir heute wissen, sollte bereits im Welpenalter mit einer eingeschränkten Energiezufuhr begonnen werden, die dann in der Jugend und im mittleren Alter beibehalten wird. Das energiereduzierte Futter sollte im Alter auf 2-3 Mahlzeiten verteilt werden, um den Magen zu entlasten.

Laufende Gewichtskontrollen verhindern, dass ein Tier ins Übergewicht abgleitet und damit der Grundstein für bestimmte Erkrankungen gelegt wird (Diabetes, Herz-Kreislauferkrankungen, Gelenk- und Knochenprobleme etc.). Man muss die Rippen unter geringer Fettabdeckung fühlen und die Taille sehen können.

Regelmäßige Bewegung ist genauso wichtig wie in jungen Jahren. Allerdings sollten Belastungen (durch Übergewicht) oder gar eine Überbelastung durch zu hohe Bewegungsaktivität vermieden werden. Und rechtzeitig mit der Zahnpflege beginnen; hier gibt es geeignete Futtermittel im Handel.

RdT: Noch einmal zurück zur Ernährung. Was genau meinen Sie mit einer reduzierten Energiezufuhr? Genügt es, einfach das bisherige Futter zu halbieren?

Annegret Link: Nein, denn dann würden mit Sicherheit Nährstoffmängel auftreten. Hunde im Alter brauchen, weil die Bewegungsaktivität nachlässt und die Muskelmasse zurückgeht, ungefähr ein Drittel weniger energiereiche Kost als in ihrer Jugend. Also muss die Zusammensetzung des Futters so geändert werden, dass keine Nährstoffmängel, aber auch kein Übergewicht entstehen kann. Im Handel gibt es ausgewogene Senior-Fertigfutter, die auf die Bedürfnisse des alternden Organismus abgestimmt sind. Sie enthalten hochwertige Inhaltsstoffe und sind durch einen höheren Ballaststoffanteil leichter verdaulich.

RdT: Wie schätzen Sie es ein, wenn sich ältere Hunde plötzlich anders verhalten als sonst, zum Beispiel nicht mehr gerne spazieren gehen oder ihr Futter stehen lassen?

Annegret Link: Ich nehme es sehr ernst. Denn oft sind Auffälligkeiten im Verhalten erste Hinweise auf eine Erkrankung. Ich rate allen Hundebesitzern, ihren Vierbeiner genau zu beobachten – und Abweichungen vom bisherigen Verhalten auf keinen Fall als „Altersstarrsinn“ abzutun. Achten Sie bitte besonders auf:

  • ein konstantes Gewicht des Hundes (überflüssige Pfunde sind die häufigsten Begleiterscheinungen des Alters. Abmagerung bei gleichem Appetit sind Warnzeichen)
  • Veränderungen der Leistungsfähigkeit (schnellere Ermüdung, Abgeschlagenheit, verminderter Bewegungsdrang etc.)
  • Veränderungen im Trink- und Fressverhalten (auffälliger Durst, Trinkunlust, Futterverweigerung etc.)
  • Störungen beim Harn- und Kotabsatz (Harntröpfeln, Harnverhalt, Durchfall/Verstopfung, Blähungen, extremer Mundgeruch etc.)
  • Einschränkung in Kondition und Bewegung (Steifheit, Lahmheit, Kurzatmigkeit etc.)
  • Äußerliche Veränderungen (Haut, Haarkleid)
  • Verhaltensauffälligkeiten können Hinweis auf Schmerzen sein (plötzliche Aggression wird häufig bei Hirntumoren beobachtet).

RdT: Wenn ein Hundesenior in die Tierarztpraxis gebracht wird, kann man mit Sicherheit feststellen, ob sich bei einem Krankheitsgeschehen „nur“ um eine Alterserscheinung handelt oder ob vielleicht doch eine Erkrankung dahinter steckt?

Annegret Link: In der Praxis ist das tatsächlich oft schwierig. Denn jede Begleiterscheinung des Alters (nachlassende Aktivität, weniger Interesse an Umwelt etc.) könnte natürlich immer auch ein Hinweis auf eine Erkrankung sein.

Das Problem: Alterserscheinungen unterliegen oft einer Multimobilität, das heißt: Es kann ein verwirrendes Nebeneinander von gewöhnlichen Alterungsprozessen und chronischen, behandelbaren, nicht behandelbaren oder akuten Erkrankungen geben. Deswegen reicht bei älteren Vierbeinern meist eine Allgemeinuntersuchung nicht aus, um eine sichere Diagnose zu stellen. Hier müssen sich im Zweifelsfall Laboruntersuchungen (z.B. Blut, Harn, Kot, Gebewebeproben) oder aufwendige spezielle Untersuchungen (z.B. Röntgen, EKG, Ultraschall) anschließen.

Die Veterinärmedizin beschäftigt sich wie die Humanmedizin intensiv mit der Thematik des Alterns (Geriatie=Altersheilkunde). Nur wenn körperliche Verschleißprozesse rechtzeitig erkannt werden, kann die weitere Ausprägung aufgehalten bzw. durch gezielte Behandlung gemildert werden. Deshalb empfiehlt sich auch eine Altersvorsorgeuntersuchung für Hunde (Geriatie-Check), die jede Tierarztpraxis durchführt. Das Ziel dieser regelmäßigen Vorsorgeuntersuchungen (ein- bis zweimal jährlich) ist, dem Hund so lange wie möglich ein beschwerdefreies Leben zu erhalten. Und das wünscht sich ja sicherlich jeder Hundebesitzer.

RdT: Frau Link, wir danken Ihnen für dieses interessante Gespräch.

Altersberechnung und Lebenserwartung des Hundes

Tierärzte berechnen das Alter noch folgendem Schema. Die allgemein übliche Faustregel, ein Hundejahr=7 Menschenjahre, entspricht nicht den biologischen Gegebenheiten.

Hund Mensch

1. Jahr entspricht 15 Jahren
2. Jahr entspricht 6 Jahren
3. Jahr und alle weiteren entsprechen 5 Jahren

Literaturhinweis: Der alternde Hund (Carl Gorman, ISBN 3929545632, Kynos Verlag)