Animal Hording

 
Das unkontrollierte Sammeln und Halten von Tieren wird neudeutsch als „Animal Hoarding“ bezeichnet. Dabei handelt es sich um eine psychische Störung, in dessen Folge die Haltungsbedingungen der Tiere (Raumangebot, Hygiene, Fütterung und Pflege) im zunehmendem Maße vom Halter vernachlässigt werden, so dass es letztendlich zu einer Verwahrlosung des Tierbestandes mit starker Anhäufung von Exkrementen, schwerwiegenden Erkrankungen und Gesundheitsschäden bis hin zu Todesfällen der vernachlässigten Tiere kommt.
 
 
 
Fallbeispiel 2006/2007: Hilfe für Hunderte Kaninchen
 
Januar 2006/Februar und Juli 2007: Das bmt-Tierheim Elisabethenhof, das bmt- Tierheim Köln Dellbrück und weitere befreundete Tierheime nehmen insgesamt 244 Kaninchen auf, die zuvor vom Veterinäramt Friedberg in insgesamt drei Beschlagnahmungsaktionen dem Halter weggenommen wurden. Einige Kaninchen waren verletzt, teilweise mussten Tiere eingeschläfert werden. Der Besitzer hatte sich um die Tiere nicht mehr gekümmert, ihnen nur noch Futter in den Stall geworfen und die Kaninchen im fensterlosen Schuppen sich gänzlich selbst überlassen.
 
Nachfolgend haben wir einige Fallbeispiele aufgefürt, bei denen der bmt helfen konnte:
 
 
Fallbeispiel 2008: Hilfe für 31 Hunde

Oktober 2008: In Parchim (Mecklenburg-Vorpommern) werden 26 erwachsene Hunde sowie fünf Welpen vom zuständigen Veterinäramt beschlagnahmt. Offensichtlich war die Halterin mit ihrer privaten Lebenssituation überfordert. Die Wohnräume waren urin- und kotverschmiert, es gab keine Sanitäranlagen, keinen Herd, kein Bett oder Tisch. Die Tiere wurden von den bmt-Tierheimen Wau-Mau-Insel in Kassel, Franziskus-Tierheim in Hamburg und der Arche Noah in Stuhr/Brinkum aufgenommen.

 
Fallbeispiel 2009: "Die heulenden Hunde von Parchim", Ereignisbericht
 
 
 
25. Oktober 2009, 10.00 Uhr. Es ist kalt an diesem Herbstmorgen. Gribbin-Kassebade, ein Dörfchen unweit von Parchim, liegt still. Am Himmel ziehen Wildgänse, ab und zu bellt ein Hofhund.

„Sie wird uns nicht aufmachen“, befürchtet Frau Zander. Die Amtsveterinärin aus Parchim, Mecklenburg-Vorpommern, ist seit über einem Jahr mit einem ganz besonderen Fall von animal hoarding beschäftigt: Eine ca. 50jährige Frau lebt mit inzwischen 28 Hunden und fünf Welpen in einem Gehöft, ohne Küche, Bad und Mobiliar.

Nach zähen Verhandlungen zwischen Behörden und Anwalt der Hundebesitzerin hat sie sich bereit erklärt, einen Großteil der Hunde abzugeben. Der bmt hat sofort seine Hilfe zugesichert und ist mit dem Vorsitzenden Dr. Jörg Styrie, Tierheimleiter Karsten Plücker und seinem ehrenamtlichen Helfer aus Kassel, Norbert Herzog, vor Ort.


„Wenn sie nicht kooperativ ist“, sagt die Amtsveterinärin, „dann müssen wir die Polizei zur Unterstützung dazu holen und die Hunde beschlagnahmen.“ Alle Beteiligten nicken, ihnen ist klar, wie wenig einschätzbar gerade Menschen sind, die neudeutsch als „animal hoarder“ bezeichnet werden.

Bei der Erkrankung Animal hoarding „sammeln“ Menschen Tiere in der Überzeugung, dass ihre Schützlinge bei ihnen vor der „Ungerechtigkeit der Welt“ sicher seien. Diese Menschen verlieren im Laufe der Zeit so stark den Bezug zur Realität, dass sie nicht mehr erkennen, in welchen Umständen die immer größer werdende Zahl von Tieren bei ihnen tatsächlich leben muss.

So auch im betreffenden Fall: Als die Ehefrau des an den Rollstuhl gefesselten Mannes in Gribbin-Kassebade das heruntergekommene Haus bezog, hatte sie nur wenige Hunde bei sich, u.a. auch eine Hündin, die ihre Tochter von einer Tierschutzorganisation aus Mühlheim übernommen hatte. Kurze Zeit später war die Hündin tragend – an die Vereinbarung, das Tier zu kastrieren, hatte sie sich nicht gehalten – und brachte von da an ständig Nachwuchs zur Welt.

Die Welpen wurden nach der ersten Intervention des Veterinäramts Parchim aus dem Haus herausgeholt und einer Tierschutzorganisation übergeben, die in Folge große Schwierigkeiten mit den unterernährten, kranken und kaum sozialisierten Hunden hatte. Trotz der inzwischen enger werdenden Beobachtung durch die Behörden in Parchim gelang es der Sozialhilfeempfängerin, immer mehr Hunde aufzunehmen bzw. sich vermehren zu lassen. Ihr Anwält erklärte, dass es sich um Fundtiere handele und verschleppte damit das Verfahren, um das sich das Veterinäramt in Parchim bemüht hatte.

Letztlich zog der Vermieter einen Schlusstrich schickte zum 1. Oktober 2008 die Räumungsklage. Zu diesem Zeitpunkt lebten in dem verfallenen ehemaligen Bauernhaus mittlerweile schon 28 erwachsene Hunde und fünf Welpen unter Umständen, die kaum vorstellbar sind. Die Räume urin- und kotverschmiert, kein Tisch, kein Bett, kein Herd, keine Sanitäranlagen – Lebensbedingungen, die den entnervten Dörflern Schauer des Entsetzens über den Rücken jagten.

Jeden Tag, so die Dorfbewohner, sei die Frau fortgefahren, habe das Rudel im Haus eingesperrt und erst abends für ca. 30 Minuten in den angrenzenden Zwinger gelassen. Wer am Gehöft vorbeigegangen sei, den habe das Heulen der eingesperrten Hunde begleitet, die Shilouetten der Tiere hinter den Scheiben erschreckt.

Doch damit soll nun Schluss sein: Nach der Räumungsklage des Vermieters musste sich die Hundebesitzerin eine andere Bleibe suchen und hat – für alle Dörfler überraschend – ein gepflegtes Haus in einem Nachbardorf gefunden. Der Hamburger Vermieter hat der Haltung von wenigen Hunden scheinbar zugestimmt.

Die Aktion beginnt
Und plötzlich kommt Bewegung in die Wartenden: Die befreundeten Tierschützer aus Mühlheim sind da – und nun kann die Aktion starten. Man ist bereit, notfalls auch alle Hunde aufzunehmen, wenn die Geschichte diese Wendung nehmen sollte. Karsten Plücker hat die Unterbringung von mindestens 18 Hunden vorab in drei bmt-Tierheimen organisiert.

Nun betritt die Amtsveterinärin das Grundstück und klopft. Geöffnet wird ihr nicht, dafür werden die Hunde in den Auslauf gelassen. Das Rudel dreht aufgeregt bellend seine Runden, schöne Tiere mit allerdings stark verfilztem, verkotetem Fell und zum Teil hervorstehenden Rippen.

Dann bricht der erste Hund aus und jagt in großen Sprüngen über das Gelände. Den Tierschützern gelingt es nicht, ihn einzufangen, zu scheu ist der schwarze Rüde vor den Fremden. Während Frau Zander an der mit Brettern vernagelten Haustür hartnäckig um Einlass bittet, verlassen immer mehr Hunde den Zwinger. Und während die erfahrenen Tierschützer versuchen, die verschreckten Hunde mit kleinen Futterrationen in die Transportboxen zu locken, öffnet sich plötzlich doch die Haustür.

Die Frau scheint kooperieren zu wollen, hilft, die Tiere einzufangen, nennt Hundenahmen und weist auf individuelle Verhaltensweisen der Hunde hin. Frau Zander kann endlich die Räume inspizieren und findet vier Welpen, die zusammengekauert in der feuchten Ecke hocken. Bei ihrem letzten Rundgang durch das nach Urin und Kot stinkende Haus wird sie noch den fünften, schwächlichen Welpen finden.

Sie habe, erklärt die sich sehr gewählt ausdrückende Frau, viele Jahre mit Hunden im Rudel „gelebt“, gemeinsam auf dem Boden geschlafen, um ihr Verhalten zu erforschen. Die Tiere hätten in ihr die „Leitfigur“ gesehen, und darum sei es in dem überwiegend aus geschlechtsreifen Rüden bestehenden Rudel auch nicht zu (tödlichen) Beissereien gekommen. Kein Vermieter habe ihr die Möglichkeit gegeben, in einem etwas besser ausgestatteten Haus zu wohnen – und da sie den Tieren das Tierheim „ersparen“ wollte, habe sie mit den Hunden dieses Leben hier bevorzugt.

„So wie die Hunde aussehen, hätte wahrscheinlich kein Richter der Beschlagnahmung zugestimmt“, sagt die Amtsveterinärin und deutet auf die mittlerweile in ihren Transportboxen sitzenden Tiere. Keine deutlichen Zeichen von Verletzungen, Wunden oder schwerer Unterernährung, einzig die Mutterhündin mit deutlich sichtbaren Zitzen scheint stark ausgehungert. Lediglich ein Rüde hat eine Entzündung an beiden Augen, ein anderer im Innenohr.

Insgesamt nehmen die Tierschützer 25 erwachsene Hunde und die Mutterhündin Laura mit ihren fünf beigefarbenen Welpen mit.

„Ich habe sie gefüttert und bin im Zwinger noch ein wenig bei ihnen geblieben“, sagt der Kasseler Tierheimleiter. „Sie haben an meinen Händen gerochen und sich langsam beruhigt.“ Die Hunde werden in den nächsten Tagen untersucht, geimpft, gechipt und kastriert. Danach steht einer glücklichen Vermittlung nichts mehr im Weg. Aufgenommen wurden sie, außer von der Wau-Mau-Insel in Kassel, vom bmt-Franziskus-Tierheim in Hamburg und der Arche Noah in Stuhr, Brinkum.

Wenn Sie uns bei den Kosten unterstützen wollen, würden wir uns sehr freuen. Nur mit Ihrer Hilfe können wir Tieren in Not beistehen.

Bitte spenden Sie mit Stichwort „Hunde aus Parchim“ auf dieses Konto:
Bund gegen Missbrauch der Tiere e.V.
Postbank München
Kto. 1819 30 – 807
BLZ 700 100 80
 
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