Ratgeber - Interview - Weg mit dem Speck!
Weg mit dem Speck!
Übergewicht bei Haustieren – mehr als ein kosmetisches Problem!
Zu viele Pfunde führen nicht nur bei Menschen zu Problemen, sondern auch bei unseren Haustieren. In Deutschland leben ca. 26 Millionen Haustiere – und etwa ein Drittel von ihnen leidet unter sogar erheblichem Übergewicht. Hauptursache: Eine energiereiche Ernährung bei gleichzeitigem Bewegungsmangel. Aber auch Erkrankungen, wie zum Beispiel eine Unterfunktion der Schilddrüse, führen unbehandelt zur Fettleibigkeit. Als Oskar in die Wau-Mau-Insel kam, wo er stolze 25 kg. Tierärztin Susanne Buscher aus Gudensberg (bei Kassel), die sich u.a. um die Gesundheit der Tierheimtiere kümmert, hat den Terrier-Mischling auf Diät gesetzt und die Vorgehensweise eng mit seiner neuen Besitzerin, Petra Hollstein, abgesprochen. Heute wiegt Oskar 15 kg und hat sich mit den verlorenen Pfunden seine Lebensqualität zurück erobert. RdT: Woran erkenne ich, dass mein Haustier zu viel wiegt?
Dr. Susanne Buscher: Am einfachsten kann man überflüssiges Fettgewebe erkennen, indem man sein Tier möglichst objektiv betrachtet und beim Streicheln abtastet.
Eine Faustregel besagt, dass das Tier von oben betrachtet eine “Sanduhr-Silhouette” haben sollte. Das bedeutet, dass Hals und Taille deutlich schlanker als der Brustkorb sein müssen, wobei die Taille kaum dicker ist als der Hals.
Eine weitere Faustregel ist, dass man die letzten beiden Rippen sehen sollte, die übrigen Rippen sind nur fühlbar und zwar unter einen dünnen Schicht Unterhautfettgewebe, diese ist z. B. bei einem 30 kg schweren Hund 3-5 mm dick, je nach Rasse. Es gibt auch rassespezifische Gewichtstabellen, die aber für ein einzelnes Tier nicht unbedingt genau stimmen müssen. Im Zweifelsfall sollte man sich beim Tierarzt Rat holen.
RdT: Welche Erkrankungen kann Übergewicht zur Folge haben?
Dr. Susanne Buscher: Übergewicht bedingt eine Verstärkung oder sogar Entstehung von folgenden Erkrankungen:
- Gelenk- und Bandscheibenerkrankungen
- Atemprobleme durch Beeinträchtigung der Lungenausdehnung, denn das Fett sitzt auch zwischen den Organen!
- Herz- und Kreislauferkrankungen, Bluthochdruck
- Leistungs-, bzw. Aktivitätsverminderung
- Diabetes mellitus
- Erhöhung der Blutfettwerte
- Bestimmte Lebererkrankungen
- Höheres Inkontinenzrisiko bei kastrierten Hündinnen
- Fortpflanzungsstörungen und Geburtsprobleme
- Hautstoffwechselstörungen (Schuppenbildung, Hautentzündungen)
- Höheres Risiko für Harnwegserkrankungen bei der Katze
- Höheres Narkoserisiko
RdT: Was macht Tiere dick? Und gibt es heute mehr fettleibige Haustiere als früher?
Dr. Susanne Buscher: Zu Ihrer ersten Frage: Dick wird ein Tier genau wie ein Mensch dann, wenn es regelmäßig mehr Kalorien aufnimmt als es verbrennt. Der tägliche Energiebedarf wird von vielen Haustierbesitzern überschätzt.
Zum einen weil das handelsübliche Futter, vor allem Trockenfutter, weitaus mehr Kalorien enthält als man ihm ansieht, zum anderen weil ein Mensch oft intuitiv die Futtermenge für sein Tier an der eigenen Nahrungsmenge orientiert. Außerdem passen viele Besitzer die tägliche Ration nicht an die entsprechenden Bewegungs- und Aktivitätseinheiten an.
Es gibt tatsächlich mehr fettleibige Haustiere als früher. In der Fachliteratur wird angegeben, dass 25–40% der bei Tierärzten vorgestellten Katzen und Hunden übergewichtig sind.
RdT: Sehen Sie Parallelen zum Tierbesitzer, d.h. dicke Menschen neigen dazu, ebenfalls übergewichtige Haustiere zu haben?
Dr. Susanne Buscher: Die Parallele besteht hauptsächlich darin, dass eben immer mehr Tiere genauso wie immer mehr Menschen übergewichtig sind. Daher ist es schon rein statistisch unvermeidlich, dass natürlich immer mehr dicke Besitzer auch dicke Haustiere haben. Aber wir kennen auch alle anderen Kombinationen.
RdT: Werden die Tiere in Ihrer Praxis wegen ihrer Fettleibigkeit vorgestellt, d. h. erkennen die Besitzer die Problematik, oder müssen Sie als Tierärztin eher auf die Übergewichtigkeit hinweisen, d. h. verdrängt der Mensch das Problem?
Dr. Susanne Buscher: In der Regel müssen wir darauf hinweisen. Ich denke aber, dass viele Menschen durchaus wissen, dass ihr Tier übergewichtig ist, sie aber dieses Thema nicht gerne besprechen, weil sie befürchten, kritisiert zu werden oder weil sie ihre Lebensgewohnheiten auf keinen Fall ändern wollen.
Sicherlich gibt es aber auch viele Menschen, die sich einfach so sehr an das Aussehen ihres Tiers gewöhnt haben, dass ihnen dessen Übergewicht tatsächlich nicht bewusst ist.
RdT: Was kann ich tun, damit mein Haustier „gesund“ abnimmt?
Dr. Susanne Buscher: Auch hier gilt das gleiche wie beim Menschen: die Futtertagesration sorgfältig bestimmen, Belohnungen und Ritual-Leckerli aus dieser Tagesration entnehmen und ein abwechslungsreiches und passendes „Sportprogramm“ planen und durchführen. Dabei beraten und helfen Tierärzte und auch viele Hundeschulen gerne.
Natürlich sollte man das Gewicht seines Vierbeiners mindestens wöchentlich kontrollieren (lassen).
Es ist übrigens sehr empfehlenswert, vor der geplanten Abspeckkur eine tierärztliche Allgemein- und Blutuntersuchung durchführen zu lassen. Vielleicht liegen schon Erkrankungen vor, auf die man Rücksicht nehmen muss, oder vielleicht ist die Gewichtszunahme durch eine Schilddrüsenunterfunktion gefördert worden.
RdT: Welches Futter eignet sich bzw. empfehlen Sie und was halten Sie von im Handel erhältlichen Diätfutter- oder Light-Futtermitteln? Sind diese tatsächlich dazu geeignet, dem Haustier beim Abspecken zu helfen? Welche Ernährungstipps gibt es?
Dr. Susanne Buscher: Bei Tieren, die extrem nach Futter betteln und nur durch Futter zu belohnen oder zu motivieren sind, kann ein Light- oder Reduktionsdiät-Futtermittel schon hilfreich sein, weil es einfach den Magen mehr füllt und eine häufigere Gabe zulässt. Allerdings muss auch hier genauestens die berechnete Menge eingehalten werden. Wir haben schon viele Fälle erlebt, bei denen die Tiere trotz langer Diätfuttermittelgabe nichts abgenommen haben oder sogar zunahmen.
Fazit: Die Frage nach dem „Wieviel“ ist viel wichtiger als die Frage nach dem „Was“.
Wichtig ist es auch zu überprüfen, ob man das Tier vielleicht häufig aus eigenen emotionalen Bedürfnissen heraus füttert. Vielleicht weil man es nicht erträgt, selbst etwas zu essen, während das Tier erst später etwas bekommen soll. Oder weil es uns doch so lieb begrüßt hat. Oder weil man ein schlechtes Gewissen hat, es länger allein gelassen zu haben. Oder weil man fürchtet, die Zuneigung seines Vierbeiners zu verlieren. Oder weil Leckerchen bequemer sind, als längere Spaziergänge. Oder...
RdT: Die Universität Liverpool hat eine Spezialklinik zur Behandlung von Fettleibigkeit bei Tieren eröffnet, in den USA hat die amerikanische Regierung kürzlich grünes Licht für ein verschreibungspflichtiges Mittel zum Abspecken gegeben, quasi eine Schlankheitspille für Hunde. Was halten Sie von solchen drastischen Mitteln?
Dr. Susanne Buscher: Die menschlichen Ernährungsberater haben schon längst erkannt, dass nur eine dauerhafte Umstellung des Ess- und Bewegungsverhaltens einen dauerhaften Erfolg bescheren. Warum sollten wir unsere Tiere nun auch noch mit Medikamenten behandeln, die eventuell auch unerwünschte Wirkungen zeigen, die einen Jo-Jo-Effekt nicht ausschließen können und die auch noch Geld kosten.
RdT: Haben Sie einen Tipp, wie man das mühsam erarbeitete Idealgewicht langfristig halten kann?
Dr. Susanne Buscher: Eine behutsame und dauerhafte Umstellung der Lebensgewohnheiten wird dazu führen, dass der Körper das normale Sattgefühl und die gewonnene Gesundheit und Lebensfreude so sehr schätzt, dass er das übermäßige Fressen sicher nicht vermisst.
Text und Fotos: Claudia Bioly
Tierarztpraxis Susanne Buscher, Große Binde 5A, 34281 Gudensberg, Tel. 05603/20 86